# 0021

bedenkt man die allgemeinen umstände, hatte sich mark einen schlechten moment ausgesucht, um aufzuwachen. 7:56. er räkelte sich im bett, schob den polster missmutig hin und her. nach mehreren minuten qualvollen nicht-aufstehen-wollens rang er sich jedoch trotzdem dazu durch. und war auch schon auf dem weg zum fenster. das öffnen der vorhänge offenbarte ihm das bild das er sich insgeheim erhofft hatte. keine sonne, kein blauer himmel. nur grau, nur regen. aber er war keineswegs überrascht, nein. nach einer woche regen überraschte ihn gar nichts mehr. es war ihm auch ziemlich egal. er hatte andere sorgen. zum beispiel was er denn heute machen sollte. sein erster urlaubstag nach langer zeit. hatte er überhaupt schon jemals urlaub gehabt? warum ausgerechnet jetzt? die panorama-aussicht auf die majestätische stadt mit all ihren häusern, straßen und natürlich mit den menschen, allesamt mit regen eingedeckt, stimmte ihn traurig und nachdenklich. julia.
wie gern hätte er sie jetzt hier gehabt. bei sich. neben sich. ihr in die augen gesehen. am fenster. geschützt vom regen. abgeschieden vom rest der welt. den moment geteilt. für immer, nach möglichkeit, bitte. doch wunschträume gehen nur selten in erfüllung, vor allem nicht unter tags. und daher auch dieser nicht. nachdem er sich schwermütig damit abgefunden hatte, den morgen alleine verbringen zu müssen, wandte er sich vom fenster ab und schlich in demütiger haltung in richtung küche. geistig doch stark abwesend schaufelte er das kaffeepulver in die kaffeemaschine und stopfte danach einen filter hinein. erst als der deckel des behälters widerstand leistete, wurde er auf seinen fehler aufmerksam. an diesem punkt war der tag in seinen augen auch schon gelaufen. deprimiert nahm er den filter wieder heraus und warf ihn mitsamt dem kaffeepulver zum müll. er hatte jetzt schon keine lust mehr. was würde der tag wohl noch erfreuliches bereithalten. ein glas wasser und eine scheibe trockenes brot. gute idee. wie immer. gefangener des schicksals. die assoziation gefiel ihm.
nachdem er sich in das sofa hatte sinken lassen griff er nach der fernbedienung des fernsehers. sollte er überhaupt einschalten? lohnte es sich? was würde er sehen? morgen-shows, comics oder nachrichten. wen interessierte das schon. julia bestimmt. julia.

die fernbedienung war inzwischen aus seiner hand geglitten. das brot in seinem mund hatte sich in eine breiige masse verwandelt und bahnte sich seinen weg von seiner unterlippe in richtung kinn. nach einigen minuten wachte er wieder auf. es klingelte. das telefon. hastig wischte er sich den speichel vom gesicht. "julia?" - "mark? was ist los?" - "bert? nichts, nichts." - "... was hast du heute vor?" - "nichts besonderes, bin nur ziemlich müde. ich glaub ich werd mich wieder niederlegen." - "deine entscheidung. wenn dus dir anders überlegst, schau bei mir vorbei. ich hab n paar neue dvds die wir uns ansehen könnten." - "danke, aber ich glaub nicht." - "wie gesagt - deine entscheidung." - "gut. ich meld mich wieder." - "ok. bis dann." - "bis dann." bert schien nie probleme zu haben. aber mark kannte ihn nicht besonders gut. sie waren, wie man so schön sagte, kollegen. aber bert schien in mark mehr zu sehen als nur einen kollegen. wahrscheinlich hatte er keine freunde. genau wie mark. das dachte er zumindest in diesem moment. wahrscheinlich stimmte es auch. war nicht so wichtig. mark wurde schlecht. er schaffte es gerade noch aufs klo. gottseidank war seine wohnung klein. passte zu ihm. klein aber fein. passte doch nicht zu ihm. schlechtes gewissen plagte mark, aber ihm wollte nicht einfallen wieso. was das ganze nur noch schlimmer machte. vielleicht war es auch gar kein schlechtes gewissen. vielleicht war es nur eine darmgrippe. vielleicht sollte er zum arzt gehen. oder schlaftabletten, gleich dort drüben im kasten an der wand... hoch oben... viel zu hoch. er wurde ohnmächtig. vermutlich weil er während der letzten tage fast nichts gegessen hatte. lag wohl am wetter. oder an julia.

sie war, nebenbei bemerkt, auch das erste, das ihm in den sinn kam, als er wieder aufwachte. außerdem war sein rechtes bein eingeschlafen. er versuchte erst gar nicht aufzustehen. er blieb auf den kalten, harten fliesen im bad liegen. es machte ihm nichts aus. nicht heute. mark wollte einfach nur dass alles aufhört. ohne reue und ohne trauer, einfach vorbei. er hob den kopf und ließ ihn wieder fallen, spürte den schmerz aufwallen und wieder verschwinden. er hob den kopf und schmetterte ihn auf den boden. er kostete den schmerz bis zur letzten sekunde aus. mark begann zu summen. er wusste nicht was er summte, ein typischer ohrwurm, dachte er zuerst, doch das war er nicht. mit sicherheit nicht. die traurigste melodie die der menschheit je geschenk gemacht wurde. von einem träumer der nie den bezug zur realität verloren hatte. der nur komponierte über die dinge die ihm widerfuhren. voll tiefster trauer. so tief, dass man die gesamte stadt darin versänken hätte können. so tief. und doch lag etwas noch viel stärkeres in der melodie, unzertrennlich verbunden mit der melancholie die ihn, mark, und jeden anderen hin und wieder ereilte. hoffnung. hoffnung auf ein wiedersehen. früher oder später. julia.

mark war wieder ruhig geworden.

mit der zeit bildeten seine tränen kleine lachen auf dem boden. sein gesicht verzog sich immer mehr zu einer grimasse. schmerz und trauer konnte man ihm jetzt ansehen. er schüttelte den kopf, wollte seine situation nicht wahr haben, ihr entfliehen. langsam versteckte er sein gesicht hinter seinen armen, zog seine knie zu seiner brust. er begann laut zu schluchzen. seine welt war vor langer zeit zusammengebrochen, so viel stand fest.

so kontinuierlich wie sich der regen auf die straßen und dächer der stadt ergoss, so flossen auch die tränen über marks wangen. ließen sich nicht aufhalten. die hoffnung war gewichen. zumindest für den augenblick. aber mark blickte nicht auf. presste seine augen fest zusammen. er wollte nichts mehr zu tun haben mit der welt dort draussen. er hatte sie satt. es interessierte ihn nicht im geringsten was andere dazu zu sagen hatten. er wusste ganz genau was er zu tun hatte. doch er konnte nicht. oft hatte er es versucht, jedoch ohne erfolg. irgendetwas war ihm immer in die quere gekommen. verhasste termine vor allem. gaukelte er sich selbst vor. wollte allen anderen die schuld geben. das licht begann zu flackern und fiel aus. im bad. er fühlte sich unerwünscht. nachdem er sich auf den bauch gerollt hatte und auf die knie gekommen war, ließ er den ort des geschehens der letzten zwei endlosen stunden hinter sich und krabbelte zurück zum sofa. seine stimmung hatte sich keineswegs gebessert, ganz im gegenteil, er war ganz besessen von dem gedanken, dem ganzen wahnsinn ein suizidales ende zu bereiten. allerdings waren es keine ernsthaften gedanken. bizarre, grausame. unrealistische.
er lag nun auf einem teppichboden. nicht auf fliesen. das half ihm sehr dabei, sich selbst weniger als verrückten anzusehen. ausserdem war es bequemer.
aber was half ihm das wenn sie nicht hier war? zorn stieg in ihm auf. warum hatte er sie gehen lassen. warum hatte er nicht besser aufgepasst. viel zu wenig zeit füreinander. miteinander. er wollte doch nur bei ihr sein. wieder schob er die schuld auf alle anderen. ihre chefin, ihre kollegen, ihre eltern, seine eltern, seine kollegen.

plötzlich stand er wieder vor dem fenster. seine hände zu fäusten geballt, stemmte er sich damit gegen das schwache glas. aber mark war schwächer, und lehnte sich stattdessen vorsichtig mit dem kopf gegen das fenster. er sah die reflexionen im glas, beobachtete sein gesicht und das wasser, das an der anderen seite des glases nach unten glitt. er fühlte sich unter den tränen der ganzen welt begraben. ertränkt, aber auch betrauert. und doch hatte er das gefühl, als würde er niemandem mehr etwas bedeuten. er lebte nur mehr für sich selbst. dachte er. aber er lebte nur mehr für julia. noch.

langsam wandte er sich vom fenster ab, seine augen auf die kreuzung weit unten fixiert, ohne zu erkennen, was dort vor sich ging. schließlich ließ er seinen blick über die wohnung schwenken. sie gefiel ihm. julia hatte geschmack bewiesen. hatten auch ihre eltern gemeint. aber mit der küche konnte ihre mutter mehr anfangen als julia selbst. ein schmunzeln schlich sich auf marks tränenüberzogenes gesicht. er erinnerte sich an frühere zeiten. alle am tisch versammelt. gegessen und offen geredet. sogar gelacht. damals. vor seinem geistigen auge formten sich verzerrte bilder. bilder von ihren eltern. und von seinen eigenen. damals. vor dem unfall. friedhof. gute idee. frische luft könnte ihm eventuell gut tun.
mark ging zum schrank und zog sich etwas wärmer an.


to be rewritten and continued

© 2002 goeritz jochen